Montag, 14. September 2026

Aktion Mensch alarmiert: Diskriminierung von Menschen mit Behinderung unverändert stark

Sechs von zehn Menschen mit Behinderung haben in den letzten fünf Jahren in unterschiedlichen Alltagssituationen Diskriminierung erlebt, etwa doppelt so viele wie in der Gesamtbevölkerung. Damit hat sich die Situation von Menschen mit Behinderung in Bezug auf ihre Diskriminierungserfahrungen im Vergleich zur Vorjahresbefragung nicht verbessert – sie bleibt weiterhin besorgniserregend. So verwundert nicht, dass 76 Prozent der Meinung sind: In Deutschland wird nicht genug gegen Diskriminierung getan. Zu diesem Ergebnis kommt eine bundesweite Online-Umfrage, die die Sozialorganisation Aktion Mensch heute veröffentlicht hat.

Barrieren, Ausgrenzung und Vorurteile über alle Lebensbereiche hinweg

Für mehr als ein Viertel der befragten Menschen mit Behinderung ist Diskriminierung ein ständiges Problem – am häufigsten begegnen sie diesem im öffentlichen Raum (68 Prozent), bei der Arbeit (59 Prozent) oder im Kontakt mit Behörden und Ämtern (57 Prozent). „In durchweg allen Lebensbereichen machen Menschen mit Behinderung deutlich mehr diskriminierende Erfahrungen als die Allgemeinbevölkerung. Diese reichen von Mikroaggressionen über herabwürdigende Kommentare bis hin zu fehlende Barrierefreiheit“, kommentiert Christina Marx, Sprecherin der Aktion Mensch, die strukturelle Ungleichheit.

Tiefgreifende Auswirkungen weit über die eigentliche Situation hinaus

Dabei zeigt sich: Die Konsequenzen von Diskriminierung wiegen schwer und beeinflussen die gesellschaftliche Teilhabe der Betroffenen, ihr Verhalten und Wohlbefinden. So vermeiden 44 Prozent nach einer erlebten Diskriminierung ähnliche Situationen. Weitere 23 Prozent besuchen ausschließlich Orte, an denen sie keine Ungleichbehandlung erwarten. Und ein Drittel hat die Erfahrungen sogar internalisiert – sie zweifeln nach entsprechenden Vorfällen an ihrem eigenen Wert und kämpfen mit dem Gefühl, nicht zu genügen.

Klima von Angst und Aussichtslosigkeit

Als besonders kritisch zu bewerten ist die Diskrepanz zwischen der Häufigkeit von diskriminierenden Erlebnissen und dem Vertrauen in existierende Schutzmechanismen: „Viele Menschen mit Behinderung fühlen sich nicht sicher genug in der Gesellschaft verankert, um offiziell Beschwerde einzureichen – sie befürchten, dadurch noch mehr Probleme zu bekommen. Oder sie glauben schlicht nicht daran, dass es etwas nützt“, so Christina Marx weiter. Ein Appell an bestehende Melde- und Beratungsstellen, ihren Einsatz für die Rechte von Menschen mit Behinderung noch stärker als bislang aufzuzeigen und ihre Bekanntheit in der Öffentlichkeit zu steigern. Denn bis dato wissen 37 Prozent der Betroffenen nicht, an wen sie sich im Falle einer Diskriminierung wenden können.

Inklusive Gesellschaft entsteht durch das Engagement aller

Insgesamt sehen 50 Prozent der Befragten den Staat in der Verantwortung, aktiv gegen die Ungleichbehandlung von marginalisierten Gruppen vorzugehen. Als konkrete Lösungsansätze erachtet die Mehrheit der Menschen mit Behinderung etwa präventive Bildungsinitiativen in Schulen und am Arbeitsplatz (59 Prozent), härtere Strafen mitsamt einer besseren Durchsetzung von bestehenden Gesetzen (55 Prozent) sowie den Abbau von Barrieren (54 Prozent).

Christina Marx: „Unsere Studie unterstreicht einmal mehr die dringende Notwendigkeit von politischem, aber auch gesamtgesellschaftlichem Handeln. Die Würde und Rechte von Menschen mit Behinderung müssen in allen Lebensbereichen geschützt werden, Ausgrenzung und Diskriminierung dürfen nicht noch mehr Raum in unserer Gesellschaft einnehmen. Dem entgegenzuwirken ist die Aufgabe jedes einzelnen.“

PR
Foto: Gemini